URh Logbuch

50 Jahre MS Schaffhausen

Geschrieben von Kurt Hunziker | 30.06.2020 20:44:09

Seit fünfzig Jahren ist das Motorschiff Schaffhausen der Schweizerischen Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein (URh) im Einsatz. Der Anfang stand unter einem unglücklichen Stern, die Menschen dachten beim Anblick der neuen «Schaffhausen» zuerst an den Raddampfer, der unter skandalösen Umständen ausser Dienst genommen wurde.

Die Vorgeschichte

Am 5. Mai 1965 erhielt die Flotte der URh Zuwachs durch das neu erbaute Salonmotorschiff Thurgau. Gleichzeitig erwarb die Gesellschaft aus Duisburg das im Jahre 1956/57 erbaute Kleinmotorschiff Ursula mit einem Fassungsvermögen von 100 Personen. Nach der Inbetriebnahme dieser beiden Einheiten schrieb die URh: Unser Flaggschiff, das DS Schaffhausen, bleibt weiterhin im Dienst.

Im Kopf des Direktors Robert Osterwalder gab es aber bereits ein Schwesterschiff zum MS Thurgau, nämlich ein MS Schaffhausen.


Die "Schaffhausen" beim Manöver im Hafen Konstanz um 1960 (Sammlung W. Suhner)


Der Dampfer wurde im Sommer nur noch an drei Tagen eingesetzt, da er wegen Hochwasser als einziges Schiff den Verkehr bei der Brücke von Diessenhofen aufrechterhalten konnte. Dann wurde er beim ehemaligen Kloster St. Katharinental in Diessenhofen abgestellt.

Anfangs Mai 1966 fand die legendäre Dampfschiffwoche statt, an der das Schweizer Fernsehen die Sendung „Für Stadt und Land“ aufzeichnete. Kurt Felix wollte dabei den Dampfer retten. Osterwalder aber liess auf das Plakat schreiben: Vielleicht letzte Gelegenheit. Für ihn war damals klar, dass das Schiff ausgemustert und verschrottet würde. Diesen Plan erläuterte er anlässlich einer Dampferfahrt dem damaligen Schifffahrtsredaktor Anton Räber. Und so schrieb dieser in der darauf erscheinenden VST Revue, einer Zeitschrift für den öffentlichen Verkehr, einen Rückblick über die Dampfschiffwoche. Da war am Schluss zu lesen: Man möchte wünschen, dass die Dampfschiffwoche ein gebührender Abschied für das Dampfschiff war und dass bald ein neues Motorschiff mit dem gleichen Namen auf dem Untersee und Rhein verkehren wird. 

Anlässlich der Aktionärsversammlung vom Mai 1967 forderte Direktor Osterwalder den Abbruch der alten «Schaffhausen» mit der Drohung: Entweder geht das Schiff oder ich. Die Versammlung stimmte seinem Wunsch zu und er blieb noch für kurze Zeit.

Das Dampfschiff Schaffhausen fuhr am 24. Mai aus eigener Kraft nach Romanshorn, wo es unmittelbar verschrottet wurde. Im Schiffsbuch der „Schaffhausen“ notierte Hans Rüegg, letzter Kapitän des Schiffes, am 26. Mai 1967: „Am 24.5.67 wurde das Schiff mit eigener Kraft nach Romanshorn überführt und an den Käufer übergeben. Damit hat eine Epoche der Schifffahrtsgesellschaft Untersee & Rhein ihren Abschluss gefunden.“

Knapp drei Jahre später war es dann so weit: Am 14. Mai 1970 wurde das neue Motorschiff Schaffhausen in Dienst gestellt. Der «Dampfer-Mörder» Direktor Robert Osterwalder hatte sich schon 1968 als URh-Direktor verabschiedet und neue «Herausforderungen» in der Ostschweiz angenommen.


Noch vor der Jungfernfahrt präsentiert sich die neue "Schaffhausen" dem Fotografen. (Foto Paul Widmann, 6. Mai 1970)

 

Die neue «Schaffhausen»

Obwohl die Finanzierung noch nicht geregelt war, stimmten die Aktionäre an ihrer Versammlung in Radolfzell vom 30. Mai 1968 mit Applaus der Anschaffung eines neuen Motorschiffes, das den Namen Schaffhausen erhalten soll, zu. Das MS Schaffhausen sollte spätestens auf Saisonbeginn 1970 den Betrieb aufnehmen. Neben der Bodan-Werft wurde auch die Schiffswerft Linz für eine Offerte eingeladen.

Das neue Flaggschiff sollte mit einem Fassungsvermögen von 700 Personen die grösste je für die URh erbaute Einheit werden.

 

Premiere in der Schweiz

Die Aufsichtsbehörde in Bern verlangte in Anbetracht der Grösse ein Maximum an Manövrierfähigkeit. Die „Schaffhausen“ wurde deshalb als erstes Passagierschiff in der Schweiz mit einer doppelten Schottel-Ruderpropelleranlage ausgerüstet. Da noch nie ein 50-Meter-Passagierschiff mit einem solchen Antrieb gebaut wurde, waren im Januar 1969 Schleppversuche notwendig.

 

Zwei Monate früher als geplant

Nachdem die Finanzierung des Neubaus mittels Darlehen gesichert war, konnte das Schiff am 8. April 1969 bei der Bodan-Werft in Kressbronn am Bodensee in Auftrag gegeben werden. Die Ablieferung garantierte man bis spätestens 7. Juli 1970. Als Antrieb dienten zwei 4-Takt-Dieselmotoren MWM, Typ. RHS 618 V 12 mit je 350 PS Leistung. Die beiden 4-flügligen Schottel-Ruderpropeller hatten einen Durchmesser von je 125 cm. Der Tiefgang des leeren Schiffes lag bei 115 cm. Zur Erinnerung an das Dampfschiff Schaffhausen (I) trägt das Motorschiff Schaffhausen (II) am Bug die Glocke des Raddampfers.

 

Jungfernfahrt

Bereits am 14. Mai, beinahe zwei Monate vor dem garantierten Termin, erfolgte die Taufe des neuen Flaggschiffes an der Schifflände in Schaffhausen. Der Präsident des URh-Verwaltungsrates, zugleich Präsident des Regierungsrates des Kantons Schaffhausen, Robert Schärrer, hielt die Begrüssungsansprache und seine Frau übernahm die Funktion der Schiffsgotte. Den Taufakt umrahmte die Knabenmusik Schaffhausen. Start zur Jungfernfahrt war um 10 Uhr und führte über die gesamte URh-Strecke, d.h. von Schaffhausen bis Kreuzlingen. Auf der Rückfahrt wurde jede Anliegergemeinde begrüsst. Grosszügig zeigte sich die URh bei der Verpflegung; so wurden «Aperitif, Mittagessen und Abendimbiss an Bord des Täuflings» genossen.


Selten bringt es ein Schiff auf die erste Seite des "Blick": Titelblatt der Ausgabe vom 22. Mai 1970 (Archiv Robert Knöpfel)


Kurze Freude am neuen Schiff

Sehr schnell wurde der Stolz über das neue Schiff gedämpft. Am 20. Mai 1970, knapp eine Woche nach der Jungfernfahrt, hatte die “Schaffhausen“ ihre erste Abendfahrt mit einer Gesellschaft der Kantonalbank Schaffhausen. An Bord waren ca. 120 Gäste und eine Besatzung von fünf Mann. Der Rhein führte an diesem Tag viel Wasser und entsprechend stark war die Strömung. Bei der Rückkehr nach Schaffhausen führte um ca. 23.00 Uhr der Kapitän oberhalb der Feuerthaler-Brücke das übliche Drehmanöver durch, um rückwärts links des mittleren Brückenpfeilers durchzufahren. Auf der Kommandobrücke war neben dem verantwortlichen Kapitän auch ein Beimann, ebenfalls ein Kapitän. Beide glaubten, das Schiff nähere sich dem Brückenpfeiler zu stark und der Kapitän leitete ein Manöver ein, um die Durchfahrt neu ansetzen zu können. Dabei kollidierte das Heck des Schiffes mit dem Pfeiler. Offenbar standen die Schottel-Propeller noch nicht in der richtigen Stellung für die Vorwärtsfahrt, sondern erzeugten einen seitlichen Schub. Der Heckspiegel der «Schaffhausen» wurde stark beschädigt. Beim zweiten Versuch der Durchfahrt touchierte die Einheit nochmals mittschiffs steuerbord, was aber nur zu einer kleinen Beschädigung der Scheuerleiste führte. Danach gelang das Landemanöver tadellos.

 

Verletzte Menschen…

Durch den ersten Aufprall verletzten sich 22 Personen leicht, 19 davon konnten nach ambulanter Behandlung das Spital wieder verlassen.

…und Wassereinbruch ins Schiff

Nach der Landung stellte das Personal einen Wassereinbruch im am Heck liegenden Maschinenraum fest. Die Lenzpumpe wurde in Betrieb gesetzt und der Trimmtank am Bug gefüllt.

Die alarmierte Feuerwehr rückte mit vier Pumpen an. Auf unerklärliche Weise wurden vier Schotträume mit Wasser überflutet. Auch in den Salon drang Wasser ein und erreichte an der hinteren Wand eine Höhe von 60 Zentimeter. Nach rund vier Stunden war das Schiff leergepumpt. Taucher dichteten mit Tüchern behelfsmässig das Schiffsheck ab.

Das MS Stein am Rhein schleppte den «Unglücksraben» am nächsten Morgen nach Langwiesen in die Werft, wo er sofort ausgewassert wurde. Mit Testfahrten wurde die Unglücksursache gesucht. Dabei wurde festgehalten: Dem beteiligten Schiffspersonal kann kaum eine Schuld wegen Fahrlässigkeit oder menschlichen Versagens zur Last gelegt werden. Die Unfallursache war mangelnde Vertrautheit mit dem neuen Schiff.

Die Versicherung hatte neben dem Schaden am Schiff einige Kleiderschäden sowie den Ersatz eines verbeulten Saxofons des Tanzorchesters zu übernehmen. Insgesamt beliefen sich die Schadenskosten auf CHF 147’000.


Ungewöhnliche Ansicht: MS Schaffhausen beim Hochwasser 2016. (Foto Markus Fröhlich, 20. Juni 2016)

 

Vibrationen im Heckbereich

Obwohl vor Baubeginn Modell-Schleppversuche durchgeführt wurden, konnten starke Vibrationen im Hinterschiff nicht verhindert werden. Zugleich war das Wellenbild unbefriedigend. 1973 wurden konstruktive Verbesserungen vorgenommen, welche den gewünschten Erfolg brachten.

 

Ein Lausbuben-Streich?

In den frühen Morgenstunden des Samstags, 30. Mai 1987, lösten unbekannte Täter mutwillig das an der Schifflände vertäute MS Schaffhausen. Es glitt rückwärts am MS Thurgau vorbei und stiess mit dem Heck voran in die Strassenbrücke.

Der Bug verkeilte sich dabei in der „Thurgau“. Hätte sich das Schiff in der Strömung quergestellt, wäre ein Schaden in Millionenhöhe entstanden. Die „Schaffhausen“ konnte aus ihrer ungemütlichen Lage befreit und der Sachschaden auf CHF 32’000 beschränkt werden.


Lausbubenstreich? Die "Schaffhausen" (rechts) verkeilte sich in die "Thurgau" (Sammlung W. Suhner, 30. Mai 1987)

 

Spezieller Einsatz

Einen besonderen Einsatz hatte das URh-Flaggschiff am 30. April 2005. Die Bodensee-Schiffsbetriebe (BSB) hatten an diesem Tag alle ihre Schiffe entweder im Kurseinsatz, an der Flottensternfahrt (mit Ziel Romanshorn) oder an Extrafahrten eingeetzt. Der BSB fehlte ein Schiff, um alle Einsätze zu fahren. Das MS Schaffhausen übernahm im Überlingersee einen fahrplanmässigen Turnus. Es startete in Konstanz mit dem Kurs 409 nach Überlingen und pendelte anschliessend den ganzen Tag auf diesem Seeteil für die BSB.


Ein gern gesehener Gast an der traditionellen Flottensternfahrt auf dem Bodensee. (27. April 2019)

 

Erste Generalrevision

Im Winter 2012/2013 wurde die „Schaffhausen“ in der Werft in Langwiesen generalüberholt. Es war dies die erste grosse Sanierung eines Motorschiffes durch URh-Mitarbeiter, bei der nicht eine fremde Werft berücksichtigt wurde. In der Pressemitteilung der URh steht: «Was wurde am Schiff gemacht? Zwingend war die Revision der Schale, welche auch sandgestrahlt und das Deck mit einer Neubeplankung versehen wurde. Neu ist die Treppe ins Oberdeck, welche in die Mitte des Schiffes verlegt wurde, womit es Platz gab für eine behindertengerechte Toilette. Neu ist der Treppenlift vom Einstiegsdeck in den neugestalteten Saal. Neu ist auch das Mobiliar. Etwas ganz Neues haben wir uns einfallen lassen mit der Lounge – sowohl hinten im Saal, als auch hinten auf dem Oberdeck. Auf eine Neumotorisierung musste aus finanziellen Gründen verzichtet werden“.


Erholung pur auf Untersee und Rhein! (Foto Markus Fröhlich, 21. Juli 2019)

Leinen los für die Fahrt auf dem Hochrhein - ab Schaffhausen. (Foto Patrick Stoll, 2018)

Lounge auf dem MS Schaffhausen

 

150 Jahre URh im Jahre 2015

Als Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 150 Jahr-Jubiläum führte die URh am 6. Juni 2015 eine Flottenparade auf dem Untersee zwischen Steckborn und Gaienhofen durch. Unter Führung des Flaggschiffs Schaffhausen waren erstmals alle sechs Motorschiffe der URh an diesem Spektakel beteiligt. Bei idealem Sommerwetter demonstrierten die Kapitäne die Manövrierfähigkeit und Wendigkeit der bis zu 50 Meter langen Schiffe. Bei der Formation „Schwanentanz“ drehten sich die drei Einheiten mit Schottelantrieb (MS Schaffhausen, MS Arenenberg und MS Munot) um die eigene Achse, während die drei Oldtimer der Flotte, die „Thurgau“, die „Stein am Rhein“ und die „Konstanz“  den Tanz umkreisten. Zum Abschluss der Parade standen sich die sechs Schiffe in einer Sternformation Bug an Bug gegenüber. Dies ermöglichte dem Verwaltungsratspräsidenten Reto Dubach sich in einer kurzen Festansprache an die Gäste zu wenden. Mit dem Ertönen der Schiffshörner und dem Aufsteigen von Ballonen wurde die Parade abgeschlossen.


Formationsfahren zum 150 Jahr Jubiläum der URh. (Foto H. Aliesch, 6. Juni 2015)

Neumotorisierung der "Schaffhausen" im Winterhalbjahr 2017/2018, Blick in den Maschinenraum. (Foto R. Rey, Januar 2018)

Motorenersatz

Nach Saisonschluss 2017 wurde das Motorschiff Schaffhausen in der URh-Werft in Langwiesen ausgewassert. Nach 47 Jahren in Betrieb sind die Originalmotoren an ihre Lebensgrenze gekommen und wurden durch zwei stärkere Motoren mit je 368 KW ersetzt. Gleichzeitig wurden die ebenfalls von 1970 stammenden Steuerungssysteme erneuert. Die Neumotorisierung war nur mit Hilfe der Kantone Schaffhausen und Thurgau möglich. Sie finanzierten diese mittels Darlehen.


Neumotorisierung der "Schaffhausen" im Winterhalbjahr 2017/2018, Vorbereitung des Schottelbrunnens. (Foto R. Rey, November 2017)

 

Grenzenloses Herbst-Hopping

«Per Schiff Grenzen überwinden und den herrlichen Untersee erkunden» - Unter diesem Motto hat die URh ihre Saison 2019 verlängert. So war das MS Schaffhausen während vier Wochenenden im Einsatz. Zahlreiche Menschen nützten die Möglichkeit im Herbst, ob bei sonnigem Wetter oder bei dichtem Nebel, eine Schifffahrt zu unternehmen. Die «Schaffhausen» mit ihrem grosszügigen Salon (bei der URh spricht man von einem Saal) war für diesen Zweck ausgezeichnet geeignet. Das Herbst-Hopping soll auch in diesem Herbst wieder durchgeführt werden.


Grenzenloses Herst-Hopping mit dem MS Schaffhausen. Kurs auf Radolfzell. (Foto Remo Rey, Oktober 2019)

 

Grosse Stütze

Mit einer Leistung von 763'863 zurückgelegten Kilometern seit der Inbetriebnahme 1970 hat das MS Schaffhausen gezeigt, dass es eine grosse Stütze in der Flotte der URh ist und bleiben wird. Unbeliebt war die «Schaffhausen» am Anfang, denn es verdrängte den legendären Raddampfer gleichen Namens (obwohl es ja nichts dafür konnte…). Die Zeiten haben sich aber gewandelt und für viele Schifffahrtsfreunde ist eine Fahrt mit dem Flaggschiff auf Untersee und Rhein ein spezielles Vergnügen geworden.

Wir wünschen der «Schaffhausen», seiner Besatzung und den Passagieren allzeit eine gute und unfallfreie Fahrt und immer genügend Wasser unter dem Kiel.

 

 

Texte: Robert Knöpfel und Kurt Hunziker, Dampferzeitung.ch